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Master Grief - Von Rüstungen und gebrochenen Herzen

Geschrieben von: Martin Schubert am 22.11.2011, 15:56
Im Internet gibt es viele, die ihre Geschichte erzählen wollen und so gibt es auch Myriaden an Blogs als passende Ausdrucksform dieser Zeit. Viele davon sind gut, noch viel mehr sind schlecht - und einige wenige schaffen es, mich sogar zu rühren. Nicht nur, dass der Verfasser eine herzzerreißende Geschichte zu erzählen hat, er schafft es auch gleichzeitig, einen tieferen Einblick in die Fraktion der Cosplayer zu geben und warum diese Niche das abfällige Belächeln vieler nicht verdient.


Den Originalbeitrag findet ihr hier http://bygonebureau.com/2011/11/16/m...rief/

Wenn ihr euch halbwegs sattelfest in der englischen Sprache fühlt lest euch auf jeden Fall das Original durch, denn in der Übersetzung geht leider immer einiges an Sprachwitz verloren.

Eine Warnung vorweg, es kommt das ein oder andere schmutzige Wort vor, also Kinder bis 12 Jahre können sich ein interessanteres Thema suchen, hier geht es nur um Beziehungen. ;)




Master Grief

Nach einer vernichtenden Trennung macht Eric Smith das einzig Vernünftige: Er kaufte sich eine ganze Halo-inspirierte Rüstung.

“Don’t make a girl a promise… if you know you can’t keep it.”
— Cortana, Halo II



Ihr Ring war nicht perfekt. Nach der Anpassung war das Weißgoldband ein wenig verschmutzt und uneben. Der Diamant war anstatt dem traditionellen, transparenten Stein ein Kanariengelb - ihre Lieblingsfarbe. Sie sprach unentwegt über ihren Traumverlobungsring, und dass der Diamant genau so sein sollte, mit einem leichten gelben Schimmer. Ja, er wirkte beinahe verunstaltet, aber so wollte sie ihn. Und genau das war sie, wirklich. Unvollkommen und doch scheinbar vollkommen.
Doch genau wie der Ring in Halo, war es nicht das Aussehen ihres Rings das zählte. Es war das Versprechen, welches damit einherging. Für die Covenant-Aliens versprach der Halo-Ring die Große Reise, ein spirituelles Unterfangen, das ihnen hilft, die physische Welt zu verlassen und zu etwas Göttlichem aufzusteigen. Für mich war es ein wenig einfacher, doch war es nicht weniger ernst. Es war ein Versprechen, das ich nicht weggehen würde.
Unglücklicherweise wurde dieses Versprechen weder im Spiel noch im echten Leben gehalten. In der englischen Sprache gibt es einige Sätze die genauso schmerzhaft sein können wie die Phrase “ich habe jemand anderen kennengelernt.”

Hier sind einige davon: (Ich schreibe hier auch die englischen Phrasen auf, vor allem der Letzte ist an Blumigkeit im Deutschen nur schwer beizukommen.)

- “Ich treffe mich mit jemand anderem” (I’m seeing someone else.)


-“Ich liebe einen anderen.” (I’m in love with someone else.)


- “Ich lass mir von dem Gerät, das ich im Karatekurs kennengelernt habe, das Hirn rausnageln, und während du und ich in meinem Auto gefahren sind, haben wir uns die schreckliche Mix-CD angehört, die er für mich gemacht hat und nun kannst du dir nie wieder Alkaline Trio anhören ohne den Drang zu verspüren, dich verdammt noch mal umzubringen.“ (I’m nailing the hell out this tool I met in karate class and while we’ve been driving in my car, you and I have been listening to the terrible mix CD he made me and now you’ll never be able to hear Alkaline Trio without wanting to fucking kill yourself.)



Egal, in welcher Form, es ist komplett verheerend. Besonders wenn dieser nicht-ganz-perfekte Ring die ganze Zeit über in deiner Tasche schlummert, fest verstaut und wie eine glühende Plasmagranate, während du das alles erfährst.

Als die Monate vergingen, setzte die Samtbox in meinem Schrank Staub an. Mitfühlende Freunde fragten unterstützend nach dem Ring und ich log und log:

- “Der Ring? Ha! Hab ich schon versetzt.”


- “Was? Das Ding? Bitte. Hab ich schon längst in den Schuylkill River geworfen.”


- “Ihr Verlobungsring? Schon lange weg, Leute. Nein, er liegt nicht in meiner Sockenlade rum, wo ich ihn fast jeden Tag anstarre, ihn gelegentlich heraus nehme und meinen Socken einen zweiten Waschgang mit meinen Tränen verpasse.”



Unfähig den Ring persönlich zu verkaufen, fand der kanariengelbe Diamant seinen Weg auf eBay, verschickt in einem Priority Brief mit Versicherungsstempel. Mich von dem ganzen Ablauf zu distanzieren machte es einfacher. Die Summe auf meinem PayPal-Konto wärmte mein Herz zum größten Teil, aber es lauerte dort, erinnerte mich beständig, was ich verloren hatte und wo das Geld herkam.
Ich musste es loswerden.
Und nicht nur einen Teil davon, sondern bis auf den letzten Penny. Für etwas das Ich schon immer haben wollte, mir aber nie leisten konnte. Etwas das die Leere in mir wenigstens ein bisschen auffüllen würde.



Und so gab ich das Geld augenblicklich für eine komplette Master Chief-Rüstung aus.
Das war allerdings nicht so plötzlich und spontan, wie es sich anhört. Die Halo-Rüstung war nur eine Frage der Zeit. Seit Jahren träumte ich davon und trieb meine engsten Freunde damit in den Wahnsinn. “Eines Tages, wenn ich das Geld habe,” sagte ich, während ich an den kanariengelben Diamanten dachte. “Jetzt muss ich aber verantwortungsbewusst sein.”
Es ist lustig. Eine Menge meiner so genannten “erwachsenen” Freunde haben viele große Lebensanschaffungen mit ihrem hart verdienten Geld getätigt: Eigentumswohnungen, Häuser, Autos, Verlobungsringe für nicht-betrügende, nicht-seelenzerstörende Freundinnen.

Und ich? Nun, abgesehen von Schuldarlehen, die ich langsam zurückzahle, ist meine größte Anschaffung eine Rüstung, aus vierzig Pfund Fieberglas und Stahl, dunkelgrün und gebaut von einem Künstler gleich außerhalb von Detroit. Der Helm, mit seinem golden schimmernden Visor und den hellen LED-Lichtern, wurde von einem legendären Stormtrooper-Rüstungsbauer auf den Philippinen importiert. Ich brauche zwei Leute die mir helfen, die Rüstung anzulegen, sie nimmt viel zu viel Platz in meinem Wohnzimmer weg und sie ist unglaublich unkomfortabel und heiß, wenn ich sie trage. Auf Conventions und Events muss ich unglaublich langsam gehen, um zu verhindern, dass ich stolpere und vielleicht etwas breche - sei es die Rüstung oder einen Teil meines Körpers.

Aber ich liebe das verdammte Ding!
Ich bin mir der Ironie bewusst das Ich eine Rüstung trage, die ich mit dem Geld gekauft habe, das ich mit dem Verlobungsring meiner Ex-Freundin verdient habe. Dazu gibt es etliche psychologische Diagnosen, die meine Freunde während dem einen Jahr, das es gedauert hat die Rüstung zu bauen, aufgezeigt haben - und in den paar Monaten, seit ich sie haben, oder wann immer ich sie trage, um zu posen oder für Foto-Shoots:

- “ Eine Rüstung? Du schützt dich.”


- “ Auf Events hat keiner eine Ahnung wer du bist. Du versteckst dich.”


-“Keiner sieht jemals das Gesicht vom Master Chief. Du versuchst zu verschwinden. Traurig.”



Sie liegen alle falsch, auch wenn ich mir sicher bin, dass ein Beziehungsberater ihnen allen zustimmen würde (und mir das, was die Rüstung gekostet hat, als Beratungshonorar verrechnen würde). Ich wollte den Anzug schon so lange, und nach so einem epischen gebrochenen Herzen, wurde das Erhalten jedes einzelnen Teils - der Anzug kam in sieben Teillieferungen über die Dauer von acht Monaten - zu einem reinigenden Prozess. Als langsam die Schultern, Unterarme, Brustpanzer und Helm eintrafen, ein Stück nach dem Anderen … nun, mit jedem Teil bekam ich ein kleines Stück von mir selber zurück.

Doch was bedeutet es, der Master Chief zu sein? Abseits der Aufmerksamkeit auf Conventions und der belustigten Blicke meiner Freunde oder Arbeitskollegen, wenn ich mit Bildern des Anzugs angebe, warum er? Ich meine, in seiner Geschichte hat er die menschliche Rasse gerettet. Und ich? Ich habe mal einen Chinchilla von Craigslist adoptiert.

Es ist so, der Master Chief ist ein gesichtsloser Mann mit wenigen Worten. Man kann sich leicht mit ihm identifizieren, sein Charakter ist angenehm distanziert geschrieben. Das Schicksal der Menschheit ruht auf seinen Schultern und er geht damit mit der Coolness eines Clint Eastwood um. Er vernichtet Raumschiffe von der Größe eines Mondes, stürzt durch die Erdatmosphäre, besiegt enorme, monströse Kreaturen - all das mit einer unbekümmerten Anmut. Als wäre es keine große Sache.
Am wichtigsten allerdings ist, auch wenn der Master Chief ein legendärer Charakter ist, jeder könnte er sein, sogar jemand der versucht ein gebrochenes Herz zu heilen. Egal ob du nun ein Kind bist, das über Xbox LIVE flucht oder ein erwachsener, trauriger Mann, er bietet den perfekten Ausstieg in etwas Außergewöhnliches. Er hat die Menschheit gerettet, und folglich auch mich.

Ich habe das Gefühl, dass ein Missverständnis vorliegt, was Leute betrifft die eine Passion für Kostüme haben, sei es nun, weil sie wie jemand aus einem Videospiel, Comic oder Anime gekleidet sind und ich hab es niemals ganz verstanden, bis ich das erste Mal über den Boden einer Convention gewandert bin. Außenstehende glauben, dass Cosplayer sich in einen anderen Charakter einleben, um vor ihrem eigenen Ich zu entkommen - dass es Geeks sind, die es nie zu etwas gebracht haben und nun die Realität für ein paar Stunden hinter sich lassen wollen.

Sie liegen allerdings falsch. In dieser Hülle - sei sie nun aus Karton, Plastik, Stoff, Fieberglas oder Stahl - steckt eine Persönlichkeit, die es Wert ist, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist die Person, die ihr Herz und ihre Seele in dieses Projekt gesteckt hat und nun ihre Arbeit am ganzen Körper trägt.

Ich habe andere Master Chiefs gesehen. Sie wandern über Comic-Cons und die Wizard World, besuchen die E3 und die Penny Arcade Expo und deren Fotos tauchen oft auf Tumblr auf, perfekt bearbeitet, als wären sie tatsächlich in den epischen Raumschlachten gewesen. Sind einige davon durch dasselbe wie ich gegangen? Vielleicht.
Denn sie schauen immer genau so aus, wie ich mich fühle: vom Kampf abgehärtet.
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