consol.MEDIA
consol.AT | consolPLUS (DE) | C4 Magazin | Forum | myconsol.NET | Comic-Hive | Gamers.at | GamersPLUS (DE) | Gamers free2play | Podcast

Blog

Thema der Woche: Kickstarter und BioWare

Geschrieben von: Silvia Schachinger am 24.09.2012, 21:37
Kategorien: PC- & Videospiele
Auch letzte Woche ging es wieder rund, wobei zwei Themen die Gamer-Szene wie keine anderen bewegten. Zum einen Obsidians neues Kickstarter Projekt, das Glanz und Glorie aus vergangenen Rollenspieltagen zurückbringen möchte, und zum anderen der Abgang der beiden BioWare-Gründer Ray Muzyka und Greg Zeschuk. Zwei Ereignisse, die komplett unabhängig von einander dann doch eine Gemeinsamkeit aufweisen, die wiederum Rückschlüsse über den derzeitigen Stand der Videospiel-Industrie zulassen. Doch der Reihe nach.



Obsidian Entertainment, bekannt für Titel wie Star Wars: Kotor II, NeverwinterNights II oder Fallout: New Vegas, haben sich entschlossen, uns mit einem neuen Rollenspiel zu beglücken. Einer gänzlich neuen IP mit klassischen Rollenspiel-Elementen, wie einer riesigen, offenen Welt, Gefährten und schwierigen Entscheidungen. Um dieses Projekt zu verwirklichen und nicht nur immer Fortsetzungen am laufenden Band produzieren zu müssen, wandte man sich über Kickstarter an die Fans. 1,1 Millionen USD wollte man dort für die Finanzierung. Ein Betrag, der binnen 25 Stunden erreicht war, woraufhin man sich bei Obsidian entschied, weitere Ziele zu bieten. Mittlerweile haben die Fans nicht nur die Möglichkeiten für die Charakter-Erschaffung erweitert, einen weiteren Begleiter, eine neue Klasse, die MAC-Version, eine neue Storyline und so weiter und so fort. Derzeit steht das Projekt bei 1,9 Millionen, Tendenz nach wie vor steigend. Grund dafür dürften wohl einerseits die klingenden Namen hinter dem Projekt sein, denn neben Chris Avellone sind auch noch Tim Cain und Josh Sawyer daran beteiligt. Andererseits dürfte auch die Sehnsucht nach einem richtig guten Rollenspiel im Stile eines Baldur’s Gate (der PC-Version, nicht dem Konsolen-Hack’n’Slay) zahlreiche Spieler davon überzeugen, dem Projekt ihre Unterstützung zuzusagen.



Im einem Interview am ersten Tag der Kampagne zeigte sich Chris Avellone nicht nur überwältigt über den Erfolg, sondern auch erleichtert, endlich ein eigenes Rollenspiel mit einer eigenen Welt kreieren zu dürfen und sich dabei nicht dem Willen von Publishern, sondern dem der Fans beugen zu müssen. Außerdem sei es eine Wohltat, nicht ständig beim Designen der Inhalte eine Konsole und einen Controller im Hinterkopf haben zu müssen, was für ihn einen großen Nachteil darstellt, da dadurch vieles verloren gegangen sei. Besonders schön ist für ihn außerdem der direkte Kontakt mit den Fans und die Möglichkeit, problemlos Ideen, Konzepte und auch Bildmaterial teilen zu können, ohne es vorher von einem Publisher absegnen lassen zu müssen, wie es normalerweise der Fall ist. Damit schafft es Obsidian, wie schon Double Fine oder inXile, die Entwickler von Wasteland 2, vor ihnen, das klassische Publisher-Modell zu umgehen und mehr auf die Wünsch der Spieler einzugehen. Ein Konzept, das nicht nur für die Entwickler selbst Vorteile bringt, sondern vor allem auch für die Spieler. Denn dadurch werden Projekte verwirklicht, die sonst niemals in dieser Form von einem Publisher durchgewunken worden wären, bzw. wenn, dann oftmals nur in abgespeckter Form oder mit mehr Bugs und Fehlern, da der Releasetermin unbedingt eingehalten werden muss und man natürlich Multiplattform entwickeln muss.



So gut sich das anhört, darf man aber natürlich auch nicht ganz übersehen, dass sämtliche Spieleprojekte, die über Kickstarter verwirklicht werden, noch in den Kinderschuhen stecken. Erfahren Spieler und Presse sonst oft erst ein Jahr vor dem Release von einem neuen Titel, sind wir hier hautnah dabei. Was allerdings auch den Nachteil mit sich bringt, dass man die Backer bei der Stange halten muss, denn diese fragen sich natürlich, wie es wohl dem Produkt geht, das sie mit ihrem Geld unterstützt haben. Eine durchaus legitime Frage, denn schließlich hat man ja auch Geld investiert, darum möchte man auch sicher gehen, dass alles passt und man wirklich etwas dafür bekommt. Gerade hier wird unsere Geduld dann auch mehr auf die Probe gestellt, denn die meisten Projekte werden natürlich erst gestartet, sobald die Finanzierung steht. Eine Konzeptphase wird es in den meisten Fällen wohl schon gegeben haben, aber eben nicht mehr - und bis zum fertigen Produkt ist es damit doch noch eine Weile, bzw. bis der Entwickler etwas Repräsentatives zum Herzeigen bieten kann. Ob sämtliche Backer genügend Geduld und Vertrauen dafür aufbringen, wird sich wohl erst zeigen und damit auch, ob Kickstarter einfach nur ein Massenphänomen unserer Zeit ist oder doch vielleicht ein Zukunftsmodell für eine Industrie ohne große Publisher. Derzeit dürfte es funktionieren; was passiert, wenn das erste Projekt schief geht oder die Spieler/Backer mit dem unterstützten Produkt nicht zufrieden sind, steht jedoch auf einem anderen Blatt.



Ein weiteres Ereignis, das die Spielergemeinde letzte Woche bewegte, war das Ausscheiden von Greg Zeschuk und Ray Muzyka nicht nur von BioWare, sondern generell aus der Videospielindustrie. Gerade über ihren Weggang wird derzeit heftigst diskutiert, vor allem darüber, ob EA an der ganzen Geschichte schuld sein soll oder nicht. Insgesamt sicher eine durchaus berechtigte Frage und meiner Meinung nach auch nicht ganz unbegründet. Es gibt genügend Beispiele für Studios, die von einem Publisher aufgekauft wurden und mit denen es aus Spielersicht danach bergab ging. Auch BioWare hat nach großartigen Titeln wie Baldur’s Gate oder Star Wars: Knights of the Old Republic ein weniger gutes Dragon Age 2 unter der Schirmherrschaft EAs herausgebracht. Wobei der erste Teil Dragon Age: Origins durchaus gut bei Fans und Kritikern ankam. Star Wars: The Old Republic war ebenfalls nicht die Revolution des MMO-Genres, für das es gehandelt wurde, und auch der dritte Mass Effect-Teil stieß bei den meisten Fans auf wenig Gegenliebe. Sicher insgesamt keine leichte Situation für EA, BioWare und die beiden Doktoren. Was nun wirklich die Hintergründe für ihren Weggang waren, darüber kann man lediglich spekulieren. Natürlich kann man in ihren Abschiedsbriefen die fehlende Leidenschaft für das Produkt Spiele durchaus als zu große Einmischung von Seiten EAs deuten. Ob es die Wahrheit ist, werden wir wohl nie erfahren, denn EA wäre blöd, die beiden gehen zu lassen, ohne sie diverse Verschwiegenheitsklauseln von ihren Rechtsanwälten unterschreiben zu lassen. Damit werden sich die beiden wohl hüten, jemals den wahren Grund dafür auszuplaudern, wenn es einen solchen überhaupt gibt. Einen Verlust für die Spieleindustrie und sicherlich auch für BioWare stellen sie definitiv dar, denn vor allem derzeit dürfte es keine Pläne der Beiden geben, wieder in die Industrie zurückzukehren. Das könnte natürlich auch an einer Konkurrenzklausel liegen, die es ihnen verbietet, in nächster Zeit in einem ähnlichen Beruf tätig zu werden. Vielleicht sehen wir sie dann doch in einem Jahr wieder, wir werden sehen.



Ich persönlich habe schon das Gefühl, dass zu viel Einmischung von Seiten EAs der Grund dafür sein könnte. Vielleicht wollte und konnte man einfach nicht mehr hinter seinen eigenen Produkten stehen, da sie nicht den eigenen Qualitätskriterien entsprachen und man hätte lieber noch ein wenig mehr Zeit investiert, um sie zu verbessern, was aber nicht möglich war. Schließlich war gerade BioWare eines der älteren und lange Zeit unabhängigen Entwicklerstudios (die Übernahme durch EA erfolgte im Oktober 2007) gewesen, die für qualitativ hochwertige Titel standen, mittlerweile aber ihren Fanbonus fast verspielt haben - zumindest bei den Hardcore-Fans. Ein guter Ruf gibt einem zwar auch viele Freiheiten, birgt aber auch große Verantwortung, vor allem gegenüber den Spielern, die darauf vertrauen die entsprechende Qualität geliefert zu bekommen. Gewinnorientiertes Wirtschaften und Qualität passen allerdings nicht immer überein, was wohl eine der großen Schwierigkeiten der derzeitigen Entwickler-/Publisher-Beziehungen ist. Große Publisher versuchen immer ihren Gewinn zu maximieren, schließlich ist man seinen Anteilsinhabern verpflichtet, denen das Produkt an sich egal ist. Wichtig ist das, was am Ende des Tages dabei herauskommt. Bei Entwicklern sieht die Sache wiederum anders aus, denn natürlich will man auch Erfolg haben, dafür Geld bekommen und sich weiter finanzieren können, aber hier sitzen auch die kreativen Köpfe, denen es darum geht, ihre Ideen umzusetzen und uns in Form interessanter Spiele zu präsentieren. Damit haben wir Kreativität und neue Ideen auf der einen Seite und auf der anderen gewinnorientiertes Denken/Handeln ohne zu großes Risiko. Eine Kombination, bei der ein Teil unweigerlich auf der Strecke bleiben muss, denn dass Qualität eben auch oftmals Zeit und Geld kostet, dafür aber langfristig auch mehr bringt, hat in einer Welt, in der es nur um schnelle Gewinne geht, keinen Platz. Langfristiges Denken und Wirtschaften findet man heutzutage nur mehr selten in Wirtschaft und Politik und ist sicher einer der negativen Aspekte unserer Zeit, der sich leider auch bei unserem Lieblingshobby in all seinen Facetten niederschlägt.



Ich bin gespannt, ob durch Kickstarter ein gewisses Umdenken einsetzt und man wieder realisiert, dass man dem Konsumenten auch ein dementsprechendes Produkt bieten muss, wenn man sein Geld dafür möchte. Jedes Jahr ständig die selben Marken in den Regalen zu sehen wird selbst für jeden Hardcore-Fan einmal langweilig und man wünscht sich irgendwann doch einmal was Anderes und Erfrischendes, nicht wieder den gleichen Aufguss, den man bereits gefühlte 500 Mal gespielt hat und der nur eine bessere Grafik bietet, aber eben sonst nicht viel. Diese Situation zu ändern, liegt in gewisser Weise auch in der Verantwortung von uns Spielern. Verkauft sich das x-te CoD schlechter, dann begreift man vielleicht, dass es Zeit ist etwas Neues zu machen. Hat ein Titel auf Kickstarter Erfolg, der von Publishern abgelehnt wurde, dann lernt man vielleicht, dass man die Wünsche der Spieler doch nicht so genau kennt, wie man dachte, und man seinen Horizont einen wenig erweitern sollte. Eine Entwicklung, die ich durchaus begrüßen würde.

Mit der Blog-Serie „Thema der Woche“ möchte ich jede Woche (wie der Name schon sagt) ein für mich vorherrschendes Wochen-Thema in der Spieleindustrie aufarbeiten und meine Meinung dazu kundtun. Bitte beachtet, dass es sich hierbei wirklich um meine eigene Meinung handelt, die auf meinen Beobachtungen und Gedanken zu aktuellen Themen und oftmals auch auf Diskussionen, die wir in der Redaktion dazu führen, basieren. Es handelt sich hierbei nicht um die Meinung des consol.MEDIA-Verlages oder anderer Mitarbeiter des Verlages, sondern wirklich um meine eigene Meinung.
Diesen Beitrag verbreiten:
Um diesen Beitrag zu verbreiten, wähle einfach den gewünschten Service aus dem Menü, indem Du mit der Maus über den Button fährst:
Ähnliche Beiträge:
Kommentare zum Beitrag:
Um Kommentare lesen und posten zu können, musst Du mit Deinem myconsol.NET Benutzerprofil eingeloggt sein. Jetzt einloggen »
Beiträge suchen
loading...sucht...